Wie ich das Lesen verlernte – und was ich dabei über das Lesen lernte.

Hallo, ihr Lieben.

dek (2)

Lange ist es her, ich weiß. Ich habe lange nicht mehr gebloggt, lange nicht mehr gelesen. Genau genommen: Gelesen habe ich schon, aber nur mit den Augen, ich habe nur die Wörter gelesen, die Handlungen völlig verarbeitend verfolgt. Und ich habe mich überhaupt nicht mit den Themen auseinander gesetzt. Das hier war neu für mich und es ging weit über eine bloße Leseflaute hinaus…
Ich habe nicht mit meinem Verstand gelesen, nicht mit Herz und Seele.
Ist das überhaupt noch echtes Lesen? 

Eine ganze Weile habe ich mir Gedanken darüber gemacht, woran es liegen kann, dass ich  nicht mehr auf die gleiche Art und Weise lese, wie ich früher lesen konnte.
War vielleicht einfach die Luft raus und meine „Leserattenphase“ war vorüber?
Bin ich dem Alter, in dem man eine innige und intensive Liebe zum geschriebenen Wort empfinden kann, entwachsen?
Oder hatte ich schlicht und ergreifend das Lesen verlernt?
Aber Lesen verlernt man doch nicht!
Lesen ist kein Instrument, das man zu spielen verlernt, wenn man nicht übt. Lesen ist keine Sportart, man verliert nicht die Muskelkraft, wenn man zu lange das Training vernachlässigt. Lesen ist keine Kunstform, in deren Fertigkeit man sich stetig schulen muss.

Und dann wurde mir klar, dass genau das passiert war: Ich hatte verlernt zu lesen, ich hatte verlernt der Melodie der Worte zu lauschen, konnte mit dem Tempo der Geschichten nicht länger mithalten. Mir war meine Fertigkeit abhanden gekommen, zu lesen – wirklich und wahrhaftig zu lesen.

Natürlich berührt uns nicht jedes Buch gleichermaßen, manche sind ein kurzweiliges Vergnügen, andere regen uns zum Nachdenken und zum Diskutieren an und ein paar wenige schlagen irgendwo in unserem Inneren eine Saite an, die uns mit einer unbeschreiblichen Intensität berührt.
Bei mir herrschte jedoch in letzter Zeit absolute Stille, kein Buch lockte mich mehr. Obwohl mein Verstand mir immer wieder sagte, „Hey, das Buch ist beeindruckend! Lass dich darauf ein!“, kam nichts wahrhaftig an.

bookshelfes

Nach und nach erkannte ich, woher diese Blockade stammte. Die letzten Wochen und Monate waren (milde formuliert) ziemlich hart. Meine größte Stütze ist mir auf eine unerwartete und grausame Art weggebrochen, was zu vielen weiteren Problemen führte und das wiederum riss alte Wunden auf. Doch trotzdem drehte sich die Welt ganz normal weiter und forderte von mir, zu funktionieren, den Alltag zu bestreiten, meinem Job als Krankenschwester nachzugehen und dort nicht nur mein eigenen privaten Probleme zu ertragen, sondern auch noch mit dem Elend anderer zurecht zu kommen…

Die Welt hatte es geschafft und mich vollkommen in ihrer Realität eingefangen, sodass mir eine Flucht ins Fiktive nicht mehr möglich war.

Ich brauchte eine ganze Weile, um das zu realisieren. Und ich werde auch noch eine ganze Weile brauchen, wieder zurück zum echten Leben und Lesen zu finden. Vielleicht wird mein Lesen – und mein Leben – nicht mehr federleicht wie früher, denn ich bin keine unbekümmerte 16-Jährige mehr (Auch wenn ich mich damals nicht als unbekümmert oder federleicht bezeichnet hätte. Ich hatte keine Ahnung.). Nein, es wird nicht mehr wie damals. Denn ich bin nicht mehr wie damals.

Aber das muss nichts schlechtes sein, oder? Nur weil etwas anders ist, muss es nicht schlechter sein. Vielleicht wird es sogar besser, wenn ich mich darauf einlasse und mir selbst die Zeit zugestehe, die es eben dauert.
Ein paar unterstützende Strategien habe ich mir überlegt: Ich zwinge mich, andere Bücher zu lesen, Bücher außerhalb meiner sonstigen Genre. Und ich werde weniger lesen. Langsamer. Konzentrierter. Ich werde Textstellen in meinen Büchern markieren. Vielleicht widme ich mich endlich mal den großen Klassikern. Darüber werde ich bloggen, denn es ist immer noch eine MEINE Literatour, meine Reise durch die Seiten – nur dass es eben eine neue Reise ist. Mit neuen Reisegefährten und unentdeckten Orten,  ehr im Tempo eines Mulis, als in der rasanten Geschwindigkeit eines Schnellzugs.
Und ich schreibe wieder. An etwas, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich sowas schreiben würde.

Mehr gibt es nicht zu sagen, deshalb bleibt mir nur das Übliche:

Liebst,Unb1enannt

 

18 Kommentare zu „Wie ich das Lesen verlernte – und was ich dabei über das Lesen lernte.

  1. Liebe Bianca,

    danke für diesen persönlichen Beitrag. Ich glaube, ich verstehe dich ganz gut. Ich hab es inzwischen schätzen gelernt wie ein langsames Müsli zu lesen. Den Schnellzug habe ich bereits vor 6-7 Jahren in die Garage gestellt. Und ja, ich lese inzwischen mit Genuss. Es ist für mich ein Privileg, vor allem aufgrund der wenigen Zeit, die am Tag übrig bleibt und zum Lesen brauche ich doch schon ein bisschen Kraft am Ende des Tages.

    Liebe Grüße Tina

    1. Hallo, liebe Tina

      Hast du vielleicht einige Tipps für mich, wie du genüssliches Lesen für dich durchsetzt? Ich arbeite gerade an meiner Art zu lesen und wäre über jeden Vorschlag froh, den ich ausprobieren könnte. 🙂

      Danke im Voraus und liebste Grüße,
      Bianca

      1. Hey Bianca,
        ich lese nur, wenn mich die Welt nicht braucht. Sprich, mich keiner stört oder ich zu abgelenkt bin. Das kann durchaus in der Straßenbahn sein oder abends vorm Schlafen gehen. Mal zwischendurch 5 Minuten bringt mir selten was. Dann bin ich meist genervt und war gar nicht richtig drin.
        Und am Wichtigesten: Sei „im Geschehen“ des Buches und lass dich nicht durch analytische Gedanken hinreißen, zum Beispiel, in dem du jetzt schon überlegst, was du zum Protagonisten schreiben würdest. Ich habe mir angewöhnt, das abschnittweise später zu machen und so setzt du dich auf verschiedene Weisen mit dem Buch auseinander. Es braucht zwar Zeit, aber was solls, wer drängt dich schon?
        Wir lesen doch um dabei zu sein, die Geschichte mitzuerleben, abzuschalten…

        Liebe Grüße Tina

  2. Ein ganz wunderbarer Betrag! ❤️
    Ich kenne das auch… Wenn ich traurig bin, oder mich die Realität so im Griff hat, daß das Abtauchen schwierig ist, dann lese ich auch viel weniger.
    Deine Idee, mal Genres zu wechseln finde ich ganz großartig!
    Manchmal findet man beim Blick über den Tellerrand Sachen, von denen man noch gar nicht wusste, daß sie einen begeistern können!
    Mach so weiter und setz dich nicht unter Druck.
    Liebe Grüße,
    Andrea

    1. Hallo Andrea,

      Danke vielmals für deine Antwort und deine lieben Worte.
      Es beruhigt mich, dass es nicht nur mir so geht und dass es vielleicht einfach auch ganz normal ist, in Extremsituationen den Zugang zur großen Leidenschaft nicht finden zu können, weil so viele andere Dinge einen in Anspruch nehmen.

      Wir sollten diese Hürden als Chancen sehen und über den Tellerrand klettern und dann neue wundervolle Dinge entdecken. ❤

      Liebst,
      Bianca

  3. Danke für die eindrucksvollen Zeilen. Ich kann Deine augenblickliche Situation ausdrücklich nachvollziehen.
    Deswegen wünsche ich Dir Kraft und Mut für die vor Dir liegende Zeit. Mit den besten Wünschen, Hans

  4. Liebe Bianca,
    was für ein toller ehrlicher Artikel. Es hat mich berührt ihn zu lesen und einen Aspekt angesprochen, den ich so bewusst gar nicht auf dem Zettel hatte, aber sehr gut nachvollziehen kann. Alles Liebe für die neuen Wege.
    Isabel

    1. Liebe Isabel,
      vielen Dank für deine Worte, es freut mich, dass du etwas Neues in meinem Beitrag finden konntest – vor allem da es mir genauso erging. 😀
      Erst beim schreiben ist mir klar geworden, wie viel mehr lesen bedeutet und dass es nicht nur den neurologischen Aspekt oder den Spaßfaktor gibt, sondern auch diese fast schon spirituelle Art des Lesens – auch wenn das irgendwie blöd klingt, aber ich hoffe, du weißt, was ich meine.

      Liebe Grüße,
      Bianca

  5. Hallo Bianca,
    ein sehr persönlicher Beitrag der mich total beeindruckt hat. Danke dafür. 🙂
    Ich finde es sehr schön, das du die Veränderung in deinem Leben akzeptieren kannst und einen neuen Weg gefunden hast. Und das das Lesen weiterhin ein Teil deines Lebens ist.
    Liebe Grüße
    Diana von lese-welle.de

    1. Hallo Diana,

      Ja, der Post ist überraschend persönlich geworden. Aber es hat gut getan, es mir von der Seele zu schreiben und die letzten Wochen auf diese Weise genauer zu betrachten. Ich habe mich praktisch dazu gezwungen, mich selbst damit auseinander zu setzen.
      Dankdiesen Beitrag und einigen vorangegangenen, sehr intensiven Gesprächen kann ich wieder klarer denken und ich glaube, so langsam lande ich wieder auf den Füßen.

      Liebe Grüße auch an dich,

      Bianca

  6. Liebste Bianca,

    fühl dich einfach nur gedrückt.
    Und mach dir keinen Stress! ❤

    Alles Liebe
    Ramona

    1. Liebe Ramona,

      vielen Dank. Du hast vollkommen Recht: Ich sollte mich nicht unter Druck setzten… nur darauf musste ich erstmal kommen. UND jetzt muss ich es noch durchführen ^^°.
      ABER ich arbeite daran! 😀

      Vielen Dank ❤
      Bianca

  7. Liebe Bianca, mir ging es vor kurzem genauso wie dir – zu viel Alltag, zu viel Anderes, keinen Sinn mehr für die schönen Worte und Geschichten, die meiner Seele so fehlten. Nach und nach habe ich es auch geschafft, mich aus diesem seelischen Aus herauszumanövrieren – und bin auch gerade dabei, mehr auf mich zu hören und meine Lesebedürfnisse wahrzunehmen: leise, langsam und entspannt.

    Das ist nicht immer leicht, aber Schritt für Schritt wirds besser.

    Ich wünsche dir auch die Zeit und Kraft, die es braucht, um wieder zu den positiven Momenten zu kommen, die das Lesen und Abtauchen in Geschichten und die Verbindung zu den Charakteren so wertvoll für uns machen.

    Liebe Grüße
    Sindy

    1. Liebe Sindy,

      Danke für deine Worte. Ja, ich glaube, wir haben alle mal solche Momente. Zeiten, in denen wir nicht lesen wollen oder können… und vielleicht muss das ja auch einfach mal sein. So lange wir wieder zurückfinden ist im Endeffekt alles gut. Und dass wir uns in diesen Zwischensequenzen verändern, erweitert vielleicht einfach nur unseren „literarischen Horizont“. Und DAS kann nichts schlechtes sein, oder? ❤

      Liebst,
      Bianca

      1. Sorry für die späte Antwort… ja, du hast Recht – Horizont-Erweiterungen sind eigentlich immer gut 🙂 Ich bin auch froh, dass ich, was meinen Lesestoff angeht, kritischer und wählerischer geworden bin. Das ist nochmal ein anderer Effekt, der das Lesen und den Umgang mit Büchern erleichtert 🙂

        Ich wünsche dir noch einen wunderschönen Sonntag

        LG
        Sindy

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