[Bloggeraktion] Keine Helden – oder doch ?

„Es wird keine Helden geben“ – so lautet der Titel des beeindruckenden Erstlings der jungen Autorin Anna Seidl. Im Rahmen einer großen Aktion bot der Oetinger-Verlag und Katja von Ka-Sa´s Buchfinder sagenhaften 100 (!) Bloggern und Bloggerinnen die Möglichkeit den Roman bereits vor seiner Erscheinung am 20. Januar zu lesen. Und ich war eine davon!
Ab dem 10. Januar erhaltet ihr hier auf dem Blog sogar die Möglichkeit eines von 10 Exemplaren von „Es wird keine Helden geben“ zu gewinnen!!!

Es beginnt wie ein ganz normaler Tag für die fünfzehnjährige Miriam. Doch dann wird alles anders … Matias, einer ihrer Mitschüler fängt an auf Schüler und Lehrer zu schießen. Miriam und ihre Freundinnen haben Glück: Sie überleben den Amoklauf. Doch für einige ihrer Schulkameraden, darunter auch Tobi, Miriams Freund sterben. Er wird vor Miriams Augen niedergeschossen und verblutet. Das schwerste jedoch steht Miriam noch bevor: Das Verarbeiten der Geschehnisse. Wie geht man damit um? Was bringt die Flucht in Drogen oder in den Freitod? Wer versteht schon was in einem der zurückbleibt vorgeht? Was hilft es darüber zu sprechen? Und immer wieder stellt sich die Frage nach dem Warum …

Meine fünf-Sterne-Rezension zu dem Roman findet ihr hier: [Rezension] „Es wird keine Helden geben“ von Anna Seidl. Doch es reicht kaum das, das Buch bloß vorzustellen. Wir Buchblogger sind uns wohl einig: Man möchte sich mit dem Thema auseinandersetzen – sei es Amoklauf, die Schuldfrage oder das Leben und vor allem das Weiterleben danach beschäftigen die Leser. Am Ende es Beitrags findet ihr einige der Beiträge.

Mich hat besonders der Titel berührt: „Es wird keine Helden geben“… Er sprach mich auf eine – es mag vielleicht albern klingen – bedrückende und zugleich fesselnde Art an und ließ mich einfach nicht mehr los. Ich fing an mich dem Buch auf eine neue Weise zu nähren . Stimmte es, was der Titel versprach oder viel mehr drohte? Gibt es keine Rettung bei diesem Amoklauf, keinen Helden in der Geschichte? Ist damit schon jede Aussicht auf ein Happy-End verloren, noch bevor man das Buch aufgeschlagen hat? Sie lässt Phililpp, einen ihrer Mitschüler zurück um nicht ebenfalls ins Fadenkreuz des Täters zu geraten. Miriam hat die Chance, ihrem festen Freund Tobi zu helfen, als dieser angeschossen wird – doch sie bleibt, wo sie ist – in einem Versteck. Und so stirbt Tobi wenig später im Krankenhaus, während Miriam die Tragödie zumindest körperlich fast unbeschadet übersteht. Auch setzt sich die Protagonistin nicht für Mitschüler Matias – den Amokläufer – ein, obwohl dieser von ihren Freunden ziemlich übel gemobbt und schikaniert wird.

„Hier gibt es keine Helden. Denn es ist kein Film. Blanke Realität“ [Seite 10]

Somit ist Miriam, unsere Protagonistin, wohl keine mutige und selbstlose Heldin. Vielmehr ist sie ein ganz normales vor Entsetzen gelähmtes Mädchen, das mit einem Schlag aus seiner Kindheit herausgerissen wird. Wenn wir ehrlich sind, würden wir es wohl kaum anders machen … wer ist in Todesangst schon derart selbstlos und stellt sich unbewaffnet und ungeschützt einem verzweifelten und bewaffneten Gegner entgegen? Ein Held würde es vielleicht tun – doch der Titel verspricht es: Es wird keine Helden geben.

Und das sollten wir Leser vielleicht auch nicht erwarten, schließlich erwarten wir ja ein realitätsnahes Jugendbuch und keine spannende Heldengeschichte. Die Wahrheit steht schon auf dem Buchdeckel: Wir sind keine Helden. In solch einer Ausnahmesituationen werden, wenn wir ehrlich sind, die wenigsten heldenhaft sein – die meisten von uns werden selbstsüchtig sein, denn Selbstsucht heißt hier überleben. Und ich persönlich kann es keinem verübeln. Es ist keinem geholfen, wenn man stirbt. Ein Amokläufer will – zumindest in diesem Moment – töten! Und das Opfer des eigenen Lebens wird ihn wohl nicht daran hindern weiter um sich zu schießen, auch nicht wenn man seine große Liebe retten möchte … Ein in Liebe gebrachtes Opfer schützt nur in Geschichten vor dem nächsten Schlag, vor der nächsten Kugel. Deshalb lieben wir Märchen vielleicht so sehr. Dort reicht das Gefühl um die Prinzessin wach zuküssen, die Tränen der Liebe um einem Blinden das Augenlicht zu schenken … Aber die Realität sieht anders aus, denn hier gewinnen nicht die Liebenden, sondern die mit der Pistole. Und der Rest muss machtlos zusehen.

Anders sieht die Sache jedoch bei der Prävention aus: Miriam und ihre Freundinnen wird in manchen Momenten immer wieder bewusst, dass es falsch ist den Außenseiter Matias zu drangsalieren. Doch keiner bringt den Mut auf, den Schikanen ein Ende zu bereiten. Hier sind keine Kuglen im Spiel, sondern bloße Worte. Doch manchmal jagen einem Worte ebenso viel Angst ein wie eine Pistole und nicht selten können sie einen auch ebenso verletzen … Aber jeder sollt sich die Frage stellen: Reicht das als Ausrede? „Ich will nicht auch ein Opfer von Mobbing werden“ – lässt es sich so einfach gleichsetzen? Eine geladene Waffe, deren Kugeln das Herz oder das Hirn zerfetzt und mit einer einfachen Bewegung mit dem Zeigefinger ein ganzes Leben innerhalb von Sekunden auslöschen kann und dutzende andere Existenzen gleich mit in den Abgrund zerrt? (Manch einer möchte jetzt vielleicht sagen, dass sich die beiden Situationen nicht zu vergleichen sind. Doch auf den Roman und seine Hauptfigur bezogen sind sich die beiden Szenen gar nicht so unähnlich: Vor dem Amoklauf ist Metias das Opfer und seine Mitschüler sind die Täter – mit dem Amoklauf dreht er den Spieß um und macht seine langjährigen Peinigern zu Opfern und setzt sich selbst in eine Machtposition ein.)

Diese Frage deckt meiner Meinung nach eine Pattsituation auf: Wer hier der Ansicht ist, dass es okay ist, auch Angst davor, ebenfalls ein Opfer von Schikanen  zu werden – und aus dieser Angst heraus vielleicht sogar mitmacht – den Mund zu halten sollte zumindest den Mut aufbringen sich ernsthaft selbst zu fragen, wie sich derjenige fühlt, gegen den das Mobbing sich wendet und vielleicht mal darüber nachdenken wie er oder sie sich erst einmal fühlt, wenn das Opfer eines Tages auf irgendeine Weise in eine Machtposition gegenüber einem selbst kommt.

Vor denjenigen, die klar sagen „Nein, Angst davor ebenfalls in die Opferrolle gedrängt zu werden, rechtfertigt das Schweigen nicht.“ziehe ich meinen Hut – vorausgesetzt sie mischen sich in solchen Situationen auch wirklich ein! Nicht jedes Mobbingopfer ist ein potentieller Amokläufer – aber jedes Mobbingopfer ist ein Opfer und verdient einen (kleinen ?) Helden, der es rettet …

Bis jetzt haben wir also tatsächlich keinen Helden in Anna Seidls Roman gefunden. Denn Miriam ist nicht dazwischen gegangen. Weder beim Mobbing gegen Matias, noch als Retterin ihrer Mitschüler. Dennoch ist für mich die Figur der Miriam eine Heldin – oder zumindest etwas ähnliches. Denn sie erkämpft sich ein Leben. Nicht ihr altes Leben zurück, denn das ist gemeinsam mit den kalten Körpern ihrer Mitschüler und ihrer Kindheit in einem dunklen, dreckigen Grab gelandet. Aber immerhin ein Leben. Sie gibt nicht auf, sucht sich keine Zuflucht in Drogen oder im Selbstmord. Miriam stellt sich irgendwann den Fragen nach der Schuld, dem Warum und dem Wie geht es weiter? Sie lernt, dass es nicht um Vergessen oder Verstehen geht, sondern um das Verarbeiten und das Erkennen einer bestimmten Wahrheit:

„Das Leben ist eine zerbrechliche, kurze Sache. […] Jeder ist etwas Besonderes. Deshalb hat niemand das Recht, eine Waffe auf dich zu richten. Niemals.“ [Seite 251]

Dabei spielt es keine Rolle, ob die Waffe eine Pistole oder eine Beleidigung ist – Und vielleicht wird uns niemals jemand retten und am Ende liegt es an uns allein. Denn manchmal gibt es keine Helden – außer uns selbst.

Unterschrift

Einige andere Beiträge zum Thema:

7 Kommentare zu „[Bloggeraktion] Keine Helden – oder doch ?

  1. Danke für deinen interessanten Beitrag! Beim Lesen war ich auch oft traurig, dass Miriam nicht anders gehandelt und sich „heldenhafter“ verhalten hat. Aber ehrlich, hätte ich im wahren Leben anders reagiert? Ich erinnere mich, dass in der Grundschule auch manche Kinder nicht gut behandelt wurden (ich würde aber nicht sagen, dass es Mobbing war, nur man hätte netter sein können) und ich leider auch nichts dagegen getan habe. Das tut mir heute sehr leid und ich wünschte, ich hätte mich anders verhalten.

    Insofern bin ich für das Buch dankbar, denn es hat mich wirklich nachdenklich gemacht und mir einiges bewusst werden lassen.

    1. Mir geht es ganz ähnlich. Es ist schon eine komplizierte Sache …. Leider lässt sich soetwas einfach nicht mehr ändern. Wir können es das nächste einfach nur besser machen …

  2. Ich habe auch schon mal so ein Buch gelesen, in dem es über die Verarbeitung eines Amoklaufes ging.
    Man merkt es ja auch an den Medien, die wochenlang darüber berichten, wer der Täter ist und was seine Motive waren, aber nach ein paar Wochen interessiert es niemanden mehr, was mit den Zurückgebliebenen ist… Deshalb ist es interessant zu erfahren, wie das sein könnte – wenn auch nur fiktiv…

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